Sehr geehrte Präsidiumsmitglieder,
Sehr geehrte Mitglieder der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft,
Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen und Religionsgemeinschaften,
Verehrte Gäste,
Sehr geehrte Damen und Herren,
und natürlich: Sehr geehrter Herr Präsident Prof. Weißgrab!
Vor einigen Wochen (am 10. Juli) habe ich im Stift Kremsmünster an den Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag von Bruder David Steindl-Rast teilgenommen. Der - vermutlich auch einigen von Ihnen - bekannte Benediktinermönch und Zen-Meister ist im Laufe seines bisher schon langen Lebens vielen Menschen, christlichen wie buddhistischen, aber auch vielen Suchenden ein wichtiger geistlicher Begleiter geworden.
Von David Steindl-Rast stammt folgendes Zitat: „Das Wort ist Stille, die zu Wort gekommen ist.“
Bruder David beschreibt die buddhistische Metaphysik, vor dem Hintergrund des offenbar für den Buddha gerade im Blick auf metaphysische Fragen so wichtigen Schweigens, als „Theologie der Stille“. Er sieht darin, wie Buddhistinnen und Buddhisten mit der Stille umgehen und sich auf die Stille konzentrieren, etwas sehr Wertvolles und Wesentliches.
Das wahre Wort kommt aus der Stille und führt in die Stille zurück. Mir scheint, im gemeinsamen Nachdenken über Stille und Wort, im Meditieren, in der Stille selbst, können wir – bei allen bleibenden Unterschieden in den jeweiligen „Lehren“ unserer Religionsgemeinschaften – etwas ganz Fundamentales entdecken, das uns verbindet und das Wesentliche des Glaubens darstellt.
Wir müssen nicht dieselbe religiöse Sprache sprechen, um einander verstehen und voneinander lernen zu können. Wenn wir uns begegnen, wenn wir Gemeinschaft suchen und Gemeinschaft pflegen, wenn wir miteinander in Dialog sind – ob mit Worten oder im Schweigen und in der Stille – können wir wertvolle Schritte gemeinsam gehen.
Geschätzter, lieber Herr Präsident Weißgrab,
in den letzten 20 Jahren Ihrer Präsidentschaft sind Sie im Dialog und in der Zusammenarbeit mit unseren Religionsgemeinschaften viele solcher wertvollen Schritte mit uns gegangen. Ich will nur zwei davon nennen: Als einen der Höhepunkte kann man sicherlich den Österreich-Aufenthalt Seiner Heiligkeit des Dalai Lama im Mai 2012 bezeichnen, der den Wunsch geäußert hatte, auch den Wiener Stephansdom zu besuchen, und er wurde von meinem Vorgänger Kardinal Christoph Schönborn herzlich empfangen. Anschließend hat er spontan den Wunsch geäußert, das Pfingsthochamt mitzufeiern, was eigentlich im Programm nicht vorgesehen war, aber dennoch ermöglicht werden konnte.
Und erwähnen möchte ich auch Ihre langjährige persönliche aktive Mitarbeit in den verschiedenen interreligiösen Initiativen, so dem vom Wiener Bürgermeister begründeten „Rat der Religionen“ (seit 2023) oder dem Verein „Campus der Religionen“ (seit 2019). Viele weitere Beispiele ließen sich nennen, aber die Zeit ist kostbar.
Lieber Herr Präsident, ich danke Ihnen für den hohen persönlichen Einsatz, Ihre Verlässlichkeit und Ihre Präsenz über zwei Jahrzehnte hinweg, ganz besonders auch bei allen Initiativen im Bereich des interreligiösen Dialogs.
Dialog lebt nicht zuerst von Papieren und Erklärungen, sondern von Menschen, die einander begegnen, zuhören und im Dialog miteinander sind, mit Worten und in der Stille in Kontakt treten, auf der gemeinsamen Suche nach dem Wesentlichen.
Sie haben diesem interreligiösen Dialog ein Gesicht und eine persönliche Handschrift gegeben – dafür danke ich von Herzen!
Verehrte Frau Präsidentin Erber,
dass heute nicht nur dem scheidenden Präsidenten gedankt, sondern auch die Amtsübergabe an die neue Präsidentin gefeiert wird, zeigt, dass das Erreichte heute nicht abgeschlossen, sondern weitergegeben und anvertraut wird. Zur Wahl in das neue Amt gratuliere ich Ihnen sehr herzlich! Ich bin zuversichtlich, dass das vertrauensvolle interreligiöse Miteinander, das in den vergangenen Jahren wachsen durfte, auch in Ihrer Amtszeit eine gute Fortsetzung und neue Impulse findet.
So wünsche ich Ihnen beiden, dem scheidenden Präsidenten und der neuen Präsidentin, von Herzen Frieden, Kraft und Zuversicht für den jeweils neuen Weg und Lebensabschnitt. Die katholischen Christinnen und Christen in der Erzdiözese Wien und auch ich persönlich werden Ihnen weiterhin dialogbereite Partnerinnen und Partner sein im gemeinsamen Engagement für gesellschaftliches Miteinander, für den Frieden, den äußeren wie den inneren.
Das gilt auch und insbesondere für das gemeinsame Bemühen, den fragenden und nach dem Wesentlichen suchenden Menschen von heute Unterstützung, Halt und Gemeinschaft anzubieten – in der Präsenz der zu Wort gekommenen Stille, von der Bruder David Steindl-Rast spricht, und wenn Sie erlauben, möchte ich Sie jetzt alle einladen zu einigen Augenblicken der Stille und des Schweigens.